Beitrag Fr 8. Dez 2017, 08:28

ESC 07

Eishockey prekär
Wie der Traditionsklub Berliner ESC 07 in der vierten Eishockey-Liga um seine Existenz ringt

Detlef Wartenberg krümmt sich vor dem Mikro in der Sprecherkabine, seine Frau Monika tippt neben ihm in den Laptop. Keine Spielszene entgeht den beiden. Er gibt die Torschützen und Vorlagengeber über die Lautsprecheranlage bekannt, sie notiert akribisch Zwischenstände und Zeitstrafen für den Spielbericht. Es ist ein nasskalter Novemberabend in der viertklassigen Regionalliga Ost im Eishockey. Unweit des Berliner Olympiastadions in der Eissporthalle am Glockenturm spielt der ESC 07 gegen die Bombers aus Sachsen. Vollständig gesagt: der Eissport- und Schlittschuh-Club Berlin 2007 gegen die Bombers Bad Muskau, ein echtes Kellerduell.

Die Wartenbergs sind seit Jahrzehnten dem Berliner Eishockey verbunden. Er ist der Präsident des ESC 07, sie ist die Schatzmeisterin. In den unteren Ligen muss auch der Vorstand ran, um die Organisation eines Spieltags zu gewährleisten. Vor der Partie stehen beide unter Strom, als ich sie etwas fragen will, sagt Monika Wartenberg nur: »Jetzt nicht«, sie muss sich konzentrieren.

Auf den Trikots der ESC-Spieler steht »Tradition verpflichtet«. Und die reicht sehr weit zurück. Bis ins Jahr 1893, dem Gründungsjahr des Berliner Schlittschuh-Clubs, der kürzte sich so ab: BSchC. Eishockey wurde dort ab 1908 gespielt. 1912 errang die Mannschaft den ersten deutschen Meisterschaftstitel. Neunzehn weitere folgten. 1973/74 und 1975/76 führte die Trainerlegende Xaver Unsinn mit seinem unlängst verstorbenen Topscorer Lorenz »Lenz« Funk die Berliner Puckjäger letztmals zu Titeln. Das ist schon länger her, doch der BSchC ist nach wie vor deutscher Rekordmeister.

Die sportliche Talfahrt begann Ende der 1970er Jahre. 1982 zog der BSchC die Mannschaft aus Finanzgründen aus der Bundesliga zurück. 1983 bildete sich aus der »Konkursmasse« der BSC Preussen, der nach mehreren Namensänderungen und Insolvenzen aktuell als ECC Preussen in der Nordstaffel der Oberliga, der zweigleisigen dritten Liga. Der alte BSchC blieb, von einem Intermezzo in der zweiten Liga von 1995 bis 1997 abgesehen, ziemlich unterklassig.

Neue Impulse
Titel und Triumphe – das alles ist Vergangenheit. Tragisch ist, dass Sportinteressierte nicht einmal einen nostalgischen Ausflug in die Vereinsgeschichte des BSchC unternehmen können. Die glorreichen Zeiten des BSchC sind weder in Vitrinen zu bestaunen, noch auf Schautafeln in einem Klubhaus nachzulesen. Das Klubarchiv samt Pokalen und Trikots landete nach dem Ausschluss der Eishockeyabteilung aus dem BSchC Anfang 2007 auf dem Müll. Dass das Archiv nach den internen Machtkämpfen um die Verwendung von Vereinsgeldern nicht komplett verloren ging, ist Martin Ohme, dem heutigen ESC-Trainer, zu verdanken: »In einer Nacht-und-Nebelaktion konnten wir ein Gutteil des Archivs aus dem Schrottcontainer retten«.

Detlef Wartenberg personifiziert die Vereinskontinuität. Er war zehn Jahre lang Präsident des alten BSchC. Nach dem Rauswurf aus dem Stammverein gründete er einen neuen. So entstand der ESC 07 als inoffizieller Nachfolger des BSchC, der nach dem totalen Bankrott seit 2012 nicht mehr existiert. In der Trennungsphase wurde viel schmutzige Wäsche gewaschen. »Uns wurden per Gerichtsbeschluss die Namensrechte entzogen«, erzählt Detlef Wartenberg. Trotz der vielen Scherereien macht er immer weiter. »Wir haben Höhen und Tiefen erlebt«, sagt er lapidar. Das klingt fast beschönigend. Die vierte Liga ist trist. Schlachtrufe hallen schon lange nicht mehr über die Eisfläche. Kaum mehr als fünfzig Zuschauer verlieren sich auf der Tribüne. Einer der Zeitzeugen der letzten Kluberfolge ist immer da: Gerhard Wilke Willer ist BSchC-Fan seit Mitte der 1970er Jahre. »Ein Kommilitone hatte mich zum Schlittschuh-Club mitgenommen – und ich bin dabeigeblieben«, sagt er.

Die verbliebenen Fans müssen viel aushalten, die Heimbilanz des ESC 07 ist desaströs. Kein Punkt konnte bislang im eigenen Stadion geholt werden. Selbst gegen das Schlusslicht aus Bad Muskau zog das Team um Trainer Ohme mit 3:6 den Kürzeren. »Nur gut, dass aus der Regionalliga Ost niemand sportlich absteigt«, sagt Detlef Wartenberg mit Galgenhumor.

Und die Spieler? Wer im ESC-Trikot aufläuft, zahlt für sein Freizeitvergnügen drauf. Potente Geldgeber hat der Club nicht. Der Etat speist sich im wesentlichen aus den Jahresbeiträgen der Mitglieder – und kleinen Zuwendungen von Gönnern aus dem Vereinsumfeld. Die sind auch bitter nötig, denn die teure Eishockeyausrüstung müssen die Spieler zum Teil selbst anschaffen. Gehen Schläger beim Training oder Spiel zu Bruch, werde schon mal der Klingelbeutel herumgereicht, weiß Willer. Ein Lichtblick aber gibt es: »Wir stehen nach Jahren kurz davor, einen Vertrag mit einem Ausrüster zu unterschreiben«, sagt Ohme stolz.

Die Handvoll Zuschauer hat die Eishalle längst verlassen, da vervollständigen die Wartenbergs Kopf an Kopf gedrängt noch den Spielbericht für den Eishockeyverband. Monika Wartenberg klemmt den Laptop und die Kladde mit den ausgedruckten Spielunterlagen unter den Arm, ihr Gatte packt den transportablen Drucker ein und schließt die Plexiglastür der Sprecherkabine hinter sich. Weiter geht es mit Heimpartien erst wieder im nächsten Jahr. Die Wartenbergs werden dann aufs neue für einen reibungslosen Spielbetrieb sorgen.

Junge Welt